Sitzordnung

 

Der Artikel "Bundestag - Niemand will neben der AFD sitzen" vom 5. Oktober in der `Welt´ versetzte mich in einen Déjà-vu-Zustand. Alles bereits erlebt, dachte ich.

 

Früher - als bei jeder Autofahrt mit 4 Kindern die Sitzordnung neu diskutiert wurde: Die Rangliste der Sitzplätze war eindeutig: Der Platz neben dem Fahrer war zweifelsfrei der beliebteste, gefolgt von dem Platz in der Mitte der Rückbank, weil man von dort eine gute Sicht nach vorn hatte und mit jedem gut kommunizieren konnte. Der Sitz hinter dem Beifahrer hatte den dritten Rang, da man als Erster und vor allem sicher aussteigen konnte. Und dann gab es noch den sogenannten "Scheißplatz", der sich zu meinem Leidwesen direkt hinter mir befand: Als letztes wieder aussteigen oder (alternativ) gefährlich zur Straßenmitte das Auto verlassen, was aber von mir als Ältestenrat verboten wurde. Zudem noch am wenigstens Beinfreiheit. Wie gesagt, so ein richtiger Scheißplatz.

 

Nur durch ein Rotationsprinzip konnte dem Streit halbwegs beigekommen werden. Aufgrund von (vermeintlichen?) Gedächtnislücken, wer wann wo gesessen hat, wurde dennoch oft weitergestritten. Die eskalierenden Diskussionen, welcher Sender in den langen fünf Minuten zur Straßenbahn gehört wurde, seien an dieser Stelle nur zur Komplementierung des Gesamteindrucks erwähnt.

 

Zum Glück gehören diese Zeiten für mich mittlerweile der Vergangenheit an. Nun steht der Bundestag vor dem Problem. Beliebteste Sitze in der Mitte und keiner - bis auf einer - mag rechts der Mitte sitzen. Könnte an der strengen Rangordnung von links nach rechts liegen. Das hört sich nach starren Schubladen an, in die keiner gesteckt werden möchte. Verständlich. Ein Rotationsprinzip wäre gerecht, würde allerdings nach meinen oben erwähnten Erfahrungen mindestens die Hälfte der Zeit der Parlamentssitzungen rauben.

 

Vielleicht könnte man ein Zufallsprinzip in der Sitzverteilung einführen: Jeder Parlamentarier zieht per Los unabhängig seiner Parteizugehörigkeit einen Sitzplatz. Dies hätte zudem den Vorteil, dass dann nicht mehr so viel mit dem Sitznachbar gequatscht und den Rednern besser zugehört wird. Das hat schon damals in der Grundschule Wirkung gezeigt, um sich bei Streit um Nebensächliches wieder dem Kern der Zusammenkunft zuwenden zu können.