Kringelreihen - Eindrücke einer Lesung


 

Es ist viertel nach sieben. Verabredet war sieben Uhr. Ich schlucke, doch die Viertelstunde bleibt, fügt sich nahtlos an die lange Kette meiner Verspätungen an.

 

 

Die Stadtkirche ist bereits bis auf den letzten Platz besetzt. Wie ein Hund im Zick-Zack-Lauf begebe ich mich auf die Suche nach meinen Freundinnen. Endlich sehe ich die beiden winkend in der letzten Reihe. Für mich haben sie einen Platz in der Reihe schräg vor ihnen freigehalten. Ich fühle mich allein unter gleichgesinnten Fremden neben mir. Selbst Schuld. Noch zehn Minuten bis zum Beginn der Lesung. Gedankenversunken bewundere ich das schöne Gewölbe des spätgotischen Altarraums, als der Autor fast unmerklich durch eine Tür die Empore betritt und aus der Vogelperpektive ein Foto vom Publikum macht. Dann verschwindet er wieder hinter der Tür. Ich bin erleichtert, dass es keine Selbstdarstellung mit Selfie war.

 

 

Kurz darauf begrüßt der Pfarrer das Publikum. Er plaudert nett und mit Humor, meint, dass es noch etwas dauern könnte, bis der Küster das Mikrofon perfekt für den ganzen Saal ausgerichtet hat. Ich frage mich, wie wenig Schäfchen denn sonst im Gottesdienst sitzen, wenn die Einstellung für einen vollen Saal so etwas Besonderes ist.

 

 

Etliche Minuten später fragt der Pfarrer, ob es jetzt noch irgendjemanden gäbe, der gar nichts hört. Derjenige solle sich bitte melden. Zu erwartende Stille. Ich lache laut auf. Im sicheren Glauben, dass nun jeder Mensch im Publikum etwas versteht, stellt der Pfarrer den mittlerweile neben ihm stehenden Autor auf dessen Wunsch mit wenigen Worten vor. Robert Seethaler möchte von den Zuhörern wissen, ob der Pfarrer zuvor bereits irgendetwas über ihn gesagt hätte. Die lange Vorrede lässt diese Vermutung des Autors verständlicherweise aufkommen. Wie soll er auch wissen, dass die Einstellung des Mikrofons so lange gedauert hat?

Nein“, antwortet das Publikum im Chor in der Manier eines Kasperletheaters. Für einen kurzen Moment denke ich, dass gleich hinter dem Altar das lauernde Krokodil erscheint und der Küster mit einer Klatsche dem Seethaler zur Hilfe eilen wird.

 

 

Seethalers Stimme klingt angenehm, allerdings ein wenig dunkler und rauher, als ich sie von der Frankfurter Buchmesse in Erinnerung habe. Vielleicht ist er erkältet. Es kann aber auch daran liegen, dass das Mikro immer noch nicht richtig eingestellt ist. Oder ich habe es einfach vergessen. Man kann dem Autor und Schauspieler Seethaler gut zuhören. Mir gefällt es, dass er die Dialoge mit verstellter Stimme in wechselndem Tonfall liest.

 

 

Ich denke an die Worte eines Verlegers, dass Lesungen den Autoren nur zu Beginn Spaß machen. Nach der zweiten und dritten Lesung kennt man bereits die Reaktionen des Publikums, man weiß, an welchen Stellen gelacht wird und das ständige Reisen verliert zudem an Reiz. Aber Seethaler ist nach etlichen Lesungen immer noch gut gelaunt. Vielleicht überspielt er es auch nur. Zumindest merkt man ihm von der langen Lesereise nichts an.

 

 

Seethaler liest verschiedene Ausschnitte aus seinem Buch „Ein ganzes Leben“. Es ist eines meiner Lieblingsbücher. Die Klarheit der Sprache, die ruhige unaufdringliche Art des Erzählens über Leben und Tod, von Schicksalsschlägen, die von dem Protagonisten Andreas Eggers so genommen werden, wie sie kommen. Am Ende des Buches blickt nicht nur Eggers erstaunt und trotz allem zufrieden auf sein Leben zurück, sondern auch der Leser auf die 155 seitige Lektüre, die trotz des geballten Inhalts nicht überladen wirkt.

 

 

Einige der vorgelesenen Passagen hätte ich ebenfalls gewählt, andere habe ich vermisst. Aber Seethaler tut gut daran, für all diejenigen, die sein Buch noch lesen möchten, nicht die größten Ereignisse im Leben des Protagonisten in der Lesung vorwegzunehmen. Immerhin ist die Stelle mit dem Arbeitsunfall im Wald dabei, wo der Grollerer seinen Arm verliert und die anderen Waldarbeiter in einfacher, aber gelungen klarer Art philosophieren, ob der Grollerer auch ohne seinen Arm nun immer noch der Grollerer sei. Und wenn ja, wieviel von einem übrig bleiben müsste, um die eigene Identität nicht zu verlieren.

 

 

Nach knapp einer Stunde heftiger Beifall. Verdient. Alsbald füllt sich der Gang des Mittelschiffes mit begeisterten Lesern, die sich, mit Büchern zum Signieren, prozessionsartig Schritt für Schritt in Richtung Altarraum zum Schöpfer des „ganzen Lebens“ vorarbeiten. Ich mag mich nicht anstellen. Außerdem habe ich bereits meinen Seethalerkringel von der Buchmesse. Stattdessen beobachte ich vom Seitenschiff aus die Zeremonie des Signierens und frage mich, wie lang die Kette aus Kringel im Leben des Seethalers mittlerweile schon wäre, würde man sie aneinanderreihen. Länger als meine Viertelstunden?

 

Sue Bechert