Zweifel

Ich stehe schon seit Ewigkeiten vor dem Spiegel im Bad, die Haut unterhalb der Augenbrauen gerötet und leicht geschwollen. Mit der Pinzette versuche ich, meinen Brauen eine neue, schmale Form zu geben. Härchen für Härchen zupfe ich mir aus – zarte feminine Linien statt buschige Brauen. Wie soll ER sich denn sonst in mich verlieben?

Unsere Klassenfête findet erst morgen statt und ich habe mit der Prozedur hoffentlich rechtzeitig begonnen, damit die Rötung bis dahin wieder verschwunden ist. Ich betrachte mein neues Gesicht: Hat sich die Asymmetrie durch die gezupften Brauen verstärkt? Erschreckt stelle ich fest, dass ich mir auf der rechten Seite einen permanenten leicht skeptischen Blick geschaffen habe. Der spiegelt nun unfreiwillig mein Innenleben wider. Naja, sieht trotz allem immer noch besser aus als zuvor.

Schlimmer sind die abstehenden Ohren, die ich mit meinen langen Haaren überdecke. Selbst bei der größten Hitze trage ich keinen Pferdeschwanz. Britt Ekland, die neue Freundin von Rod Stewart, hat zwar auch abstehende Ohren – aber bei dem hübschen Gesicht ist das unerheblich. In der Bravo hatte ich gelesen, dass er sie damit neckt:`Flieg mir nicht davon, es ist windig draußen ...´.

`You´re in my heart, you´re in my soul´ soll Rod Steward für sie geschrieben haben – trotz Dumbo-Ohren. Und den Körper von Britt Ekland hätte ich auch gern gehabt: Mein Becken ist derart schmal, sodass meine Schultern verhältnismäßig breit wirken, fast knabenhaft. Die Oberschenkel so dünn, dass mir jede Jeans an den Beinen schlabbert und ich mit der Nähmaschine die innere Hosennaht komplett ab Kniehöhe von einem Hosenbein über den Schritt bis zum anderen um zwei Zentimeter abnähen muss, damit man erahnt, dass sich irgendeine Figur in der Jeans befindet. Immerhin kann man die Existenz eines Busens auch durch das T-Shirt erkennen. Ansonsten bin ich alles andere als unbeschreiblich weiblich.

 

`Wie siehst du denn aus?´ fragt mich meine Mutter, als ich ins Wohnzimmer komme. `Das sieht total künstlich aus mit den gezupften Augenbrauen, da hättest du ja gleich mit einem Stift 2 Striche malen können! Papa sagt immer, dass Natürlichkeit am schönsten ist.´ Mensch, lasst mich doch einfach in Frieden, was wisst ihr denn von der Jugend von heute? Als hätte ich nicht schon genug Probleme. Ich merke, wie sich in den unteren Augenlidern Tränen sammeln und flüchte schnell in mein Zimmer.

 

Ich laufe im selbst genähten Nachthemd unsere Straße entlang, es ist dunkel, aber ich habe keine Angst. ER kommt mir entgegen, die etwas längeren, stachelig geschnittenen Haare kann ich schon von Weitem erkennen. Martin hat auch seinen Schlafanzug an. Er lächelt mich an, nimmt wortlos meine Hand und wir laufen durch die Nacht, bis mein Wecker klingelt. Warum sind Träume schöner als die Realität? Noch etwas benommen hocke ich am Frühstückstisch, bevor ich mich auf den Weg in die Schule mache.

 

In Chemie beim Dr. Schlehmann, einem hutzeligen Männchen im weißen Kittel, raffe ich nichts mehr. `Monika, wiederhole noch ´mal von der letzten Stunde, wie berechnet man die Molare Masse von Verbindungen?´ Upps, das hatte ich schon letzte Stunde nicht kapiert. `Ähm, ich weiß nicht ...,´stottere ich. `Vielleicht kann dir deine Freundin Elke helfen ...´- nein, kann sie natürlich auch nicht. `Was mache ich nur mit euch beiden, ihr seid meine Sorgenkinder,´ brummelt Catweazle hinter seinem Pult. Aktion Sorgenkind lässt grüßen – den Rest der Stunde schaue ich nur noch provokant aus dem Fenster und denke lieber an meinen schönen Traum mit Martin.

 

Nach der Pause eine Doppelstunde Französischunterricht bei Madame Challali, einer Französin mit rauchiger Stimme und einem blauen Päckchen Gauloises auf dem Lehrerpult. Unangekündigtes Übungsdiktat – ich hänge mit dem Schreiben hinterher und komme nicht mehr nach – jeder Satz hört sich irgendwie gleich an und wird trotzdem anders geschrieben. Alles würde ich jetzt lieber machen als dieses Diktat schreiben, notfalls sogar eklige Würmer in meiner Hosentasche züchten, bloß weg hier. Reicht es nicht, wenn man weiß, was `Je t´aime´ heißt, und dass die Frage `Voulez vous coucher avec moi, ce soir?´ auf keinen Fall mit `Darf ich Ihnen über die Straße helfen?´ zu übersetzen ist?

 

In der zweiten großen Pause kommt Martin mit dem Fahrrad von der Realschule und holt seinen Freund Arne von unserem Gymnasium ab. Ich habe noch Handarbeits-AG und sehe ihn nur aus der Ferne. Mir ist so, als würde er öfter zu mir rüberschauen, aber ich bin mir nicht sicher. Ob er heute Abend zu unserer Fête kommt? Ich hatte ihn eingeladen, aber meine Chancen stehen nicht besonders gut, weil Arne mein ärgster Feind in unserer Klasse ist. Er zieht mich ständig auf, findet mich zu brav und zu eitel. Dabei bin ich einfach nur unsicher und unzufrieden mit mir selbst. Aber das werde ich diesem Idioten, mit seinem pickligen Gesicht und dem Pullunder über dem nackten Oberkörper, garantiert nicht stecken. Woher der sein Selbstbewusstsein nimmt, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich wegen der Mangelware `Jungs´ in einer Französischklasse. Das wäre noch ein weiterer Grund für Latein als zweite Fremdsprache gewesen.

 

Arne hatte seinen Freund auf der letzten Fête mitgebracht – und ich hatte mich direkt in Martin verknallt: Er ist genau mein Typ: Haare wie Rod Stewart, verschmitzte braune Augen, groß und schlank. Er trug Jeans und ein T-Shirt mit einem brüllenden Löwenkopf darauf – wow. Als dann zum gefühlten zehnten Mal `Je t´aime´ von Jane Birkin und Serge Gainsbourg auf `Wunsch eines einzelnen Herrn´ lief, zog Martin mich endlich auf die Tanzfläche und ich war im siebten Himmel. Der Absturz in die Realität folgte sogleich schmerzhaft, als wir die Tanzfläche wieder verließen. Ich hörte, wie Arne Martin zuraunte:´Lass mal lieber die Finger davon, da verpestest du dich nur ...´. Was sollte denn diese Aktion? Bin ich etwa eine Aussätzige? Ich war so wütend, aber ich traute mich nicht, ihn zur Rede zu stellen. Vielleicht sollte ich bei Catweazle doch besser aufpassen und erfahren, wie man einen Gifttrank mischt. Als Arne mit Martin die Fête verließ, kam Martin noch einmal auf mich zu und streckte zaghaft seinen Arm nach mir aus. Als ich mich vor ein paar Tagen endlich traute, bei ihm zu Hause wegen unserer Schulfête anzurufen, hatte ich nur seine Mutter am Telefon, weil er beim Fußball war. Ich bat sie, ihm die Einladung auszurichten. Seitdem hing ich in der Luft.

Nach dem Handarbeitsunterricht ist auch für mich endlich die Schule aus. Freitagmittag – fast Wochenende. Nur noch sechs Stunden bis zur Fête. Aber meine Freude ist getrübt. Ich hege große Zweifel, ob sich Martin gegen seinen Freund für mich entscheiden wird. Zu allem Übel hat Mutti den Freitag zum Putztag erklärt. Gehen Sie direkt ins Gefängnis, gehen Sie nicht über Los, und ziehen Sie keine 4.000 Mark ein. Ob ich jemals die Schlossallee erreichen werde? Zuhause erwartet mich nur ein schnelles Mittagessen und das Staubtuch, um wie jede Woche die Regale auszuräumen und abzuwischen, obwohl sie nicht wirklich staubig sind. Es ist mehr das starre Putzschema, was sich über die Jahre bei Mutti eingeschlichen hat und das der Reihenfolge nach abgearbeitet wird – ob nötig oder nicht. Früher hatte ich es aus Gewohnheit akzeptiert, aber mittlerweile erscheint mir das immer suspekter.

 

Punkt zwanzig nach fünf kommt Papa mit dem alten klapprigen Fahrrad (ein neues könnte am Bahnhof gestohlen werden) und der Aktentasche am Lenker, in der sich nichts als das Pausenbrot und ab und zu die Bildzeitung befindet. Wie immer kommt Papa müde von der Arbeit, Mutti steht schon parat und wärmt ihm das Essen vom Mittag auf. Für uns gibt es Brotschnitten. Beim Abendessen erzählt er uns von seinen dummen Arbeitskollegen. Er ist der Klügste von allen, der sich nach seinen Erzählungen auch nichts von seinem Chef sagen lässt. Als ich von meinem Ärger mit dem Chemielehrer erzähle, rät er mir:`Sei still und denk´ dir dein Teil, damit fährst du am besten!´ Ich mache ihn auf den Widerspruch seines Ratschlags und der Darstellung seines eigenen Verhaltens aufmerksam und erhalte die Antwort:´Der Unterschied zwischen uns beiden ist, dass ich weiß, wie ich mich wehren kann.´ Danke für den Nachschlag, Papa – aber ich war eigentlich schon satt! Nimm´ mir meinen letzten Funken Stolz, bis ich mir gar nichts mehr zutraue! Ich merke, wie sich meine Kehle zuschnürt und Tränen aufsteigen. Fluchtartig verlasse ich die Küche.

 

Oje, in einer Stunde soll ich schon bei Elke sein, ihre Mutter hatte sich bereit- erklärt, uns zu fahren. Also schnell das Gesicht kühlen, unter die Dusche, Haare fönen, schminken. Zum Glück habe ich die Tortur mit den Augenbrauen schon hinter mir. Ich ziehe die neue, abgenähte Wrangler und mein Lieblingsshirt an.

 

Vor dem Eingang zum Schulkeller, wo die Fête stattfindet, sehe ich zwei Klassenkameradinnen rauchend davorstehen und höre mich laut denkend:`Ihr raucht schon?´ Ich beiße mir auf die Zunge, doch es ist zu spät. Wie blöd kann man nur sein, so etwas zu sagen? Die beiden schauen mir überlegen und belustigt hinterher. Ich kann ihre Gedanken buchstäblich hören:`Oje, die kleine, dumme, brave Monika!´ Elke und ich gehen die Treppe hinunter. Martin ist bereits da, er hockt neben Arne und starrt mich an. Ich fühle meinen Herzschlag bis zum Hals. Kaum sitze ich mit einer Limo in der Hand neben Elke, kommt ausgerechnet Arne auf mich zu und fordert mich zum Tanzen auf. Ich wundere mich über den Sinneswandel, sehe es aber als positives Zeichen und stehe auf. Da meint Arne grinsend:´Ich hab´s mir anders überlegt, ich tanze doch nicht,´ und geht wieder zurück zu seinen Freunden. Alle lachen, Martin auch. Aus Verlegenheit lache ich mit, obwohl mir zum Heulen zumute ist. Zum Glück kommt Thomas, ein Typ aus der Clique meiner Freundin Christine, zu mir und fragt, ob ich mit ihm tanzen würde. `Ja, warum nicht´, äußere ich mich cool und denke: `Du bist meine Rettung!´ Danach folgt ein Engtanzlied, ausgerechnet `Tonight´s the night´ von Rod Steward. Thomas streichelt mir den Rücken und ich kann über Thomas´ Schulter noch sehen, wie Martin uns beobachtet. Papierkügelchen treffen mich. Ich schließe die Augen und reagiere nicht darauf. Es ist vorbei - `Je t´aime... moi non plus´ - ich liebe dich ... ich auch nicht´.

 

Thomas hat lockige Haare, ist witzig und sehr bemüht um mich. Ich mag ihn, und als er mich fragt, ob wir uns am Sonntag bei ihm zum Plattenhören treffen, sage ich zu. Martin hatte in der Zwischenzeit im Schlepptau von Arne die Fête schon längst wieder verlassen. Zuhause im Bett heule ich Rotz und Wasser, vertraue meinem Tagebuch meinen Seelenzustand an und male darunter ein zerbrochenes Herz. Am Ende des Eintrags steht auf feuchtem, leicht welligen Papier: Das Kapitel Martin ist hiermit beendet.

 

Am Sonntagnachmittag mache ich mich auf den Weg zu Thomas. Meinen Eltern erzähle ich, dass ich mich mit Christine und ihrer Clique treffe. Als Thomas mir die Tür öffnet, gruselt´s mich beim Anblick der grauen Stoffhose, die er trägt. `Habt ihr `ne Familienfeier?´frage ich ihn mit Blick auf die feine Hose. `Nee - ach so, wegen der Hose – wir gehen sonntags immer in die Kirche zum Gottesdienst.´Da erinnere ich mich wieder, dass Christine ihre Clique aus der katholischen Jugendarbeit kennt. Zuerst sitzen wir mit der ganzen Großfamilie Ewigkeiten am Kaffeetisch, seine Oma beargwöhnt mich die ganze Zeit kritsch über ihren Brillenrand. Ich sage kaum etwas, die Stimmung ist drückend. Als die Runde sich endlich auflöst, gehe ich mit Thomas in sein Zimmer und wir hören `Jesus Christ Superstar´ und danach `Hymn´ von Barclay James Harvest. Vom Plattenteller wird gerade die `virgin birth´ musikalisch zelebriert, als wir die krächzende Stimme von Thomas´ Oma auf der Treppe hören:`Thomas, kommst du mal bitte?´ Er geht ins Treppenhaus, und obwohl die Zimmertür geschlossen ist, höre ich deutlich den einen Satz:`Thomas, überleg´doch mal, seit wann kommt denn die Krippe zum Pferd?´ `... don´t try to fly, you know, you might not come down...´ und ich realisiere, dass ich mit der Krippe gemeint bin. Thomas kommt wieder zurück ins Zimmer, fragt, ob wir in die Eisdiele gehen wollen. Aber mir reicht´s für heute. Ich antworte, dass es Zeit ist für mich zu gehen.

 

Meine Eltern sind gerade beim Abendessen, als ich heimkomme. Mich nerven die familiären Tischgespräche – davon hatte ich heute schon genug. `Monika, du bist so still, woran denkst du denn gerade?´fragt mich Mutti. `Och, ich habe gerade nachgedacht, dass ich später am liebsten  mal in eine WG ziehen möchte...´. Entsetzte Blicke, Papa findet zuerst die Sprache wieder – allerdings in einem Vokabular, dass ich noch nie zuvor von ihm gehört habe:`Ach, wie in der Kommune mit dem langhaarigen Spinner, Rudelbumsen und so ...´. Jetzt bin ich es, der die Worte fehlen. Wie kann er so etwas zu mir sagen? Ausgerechnet mir, die noch nicht einmal ihren ersten Kuss bekommen hat? Tränen laufen mir die Wangen herunter, ich schließe mich in mein Zimmer ein. Doch auch hier bekomme ich kaum Luft. Ich reiße das Fenster auf. Soll ich einfach springen? Ich schaue auf das graue Pflaster. Doch ein Sprung aus dem ersten Stock reicht nicht für einen schnellen Tod. Kurzentschlossen packe ich ein paar Sachen zusammen, stecke mein Tagebuch ein und hole mein Geld von der Konfirmation aus dem Versteck. Heimlich verlasse ich das Haus. Ich laufe unsere Straße entlang, es ist dunkel, aber ich habe keine Angst. Was könnte mir noch Schlimmeres passieren? Atemlos erreiche ich den Bahnhof. Bloß weg hier, dieser Kleinstadtmief erdrückt mich.

 

`Hallo Monika, wo willst du denn hin?´, höre ich eine warme vertraute Stimme hinter mir. Ich wende meinen Kopf. Es ist Renate, bei der ich im letzten Jahr regelmäßig zum Babysitten war. Sie ist alleinerziehend, ihre kleine Tochter Miriam ist auch dabei. `Hast du geweint?´, fragt sie mich und löst damit eine Tränenflut aus. Ich bekomme fast keinen vernünftigen Satz heraus, aber Renate versteht mich trotzdem. `Du kannst heute bei mir schlafen`, bietet sie mir an, `aber du musst vorher deine Eltern informieren. Dann machen wir einen Mädchenabend – hatte ich schon lange nicht mehr gehabt.´ In dieser Nacht erfahre ich auch ihre Geschichte, und erkenne, dass ich nicht der einzige Mensch auf dieser gottverdammten Welt bin, der Probleme hat, aber dass es sich lohnt, zu kämpfen. Zum ersten Mal wird mir bewußt, dass das Leben kein betonierter Zustand ist, sondern aus veränderbaren Phasen besteht und dass man den Sonnenschein nur nach dem Regen haben kann.