das wiedersehen


 Ich bin wie immer spät dran. In einer Stunde ist die Beerdigung meiner Kollegin. Gestern kurz vor Mitternacht bin ich nach einer ewig langen Autofahrt in Hamburg angekommen. Eine Baustelle nach der anderen. Zum Glück kein Regen.

 

Schnell springe ich unter die Dusche, danach folgt ein leerer Griff in die Badschublade – kein Fön im Zimmer. Schlimmer geht immer. Ich renne zum Fahrstuhl, um mir an der Rezeption einen Fön auszuleihen. Als ich im Hotelflur um die Ecke biege, stoße ich fast mit meinem ehemaligen Chef zusammen. Ich traue meinen Augen nicht.

 

»Herr Meerbach, Sie sind auch hier?«

 

Er lächelt mich an.

 

»Hallo, Frau Berger! Schön, Sie zu sehen! Natürlich bin ich gekommen, um mich zu verabschieden!«

 

Ich kann es immer noch nicht glauben und starre ihn an. Er sieht jünger aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Irgendwie gesünder und frischer. Er hat auch ein paar Kilo abgenommen. Tränen steigen mir in die Augen.

 

»Alles in Ordnung?«, fragt er mich.

 

»Ja, … doch … es ist nur … ich habe Sie vermisst, seitdem … wissen Sie, ich habe gerne in Ihrer Abteilung gearbeitet. Das wollte ich Ihnen eigentlich immer schon einmal sagen. Doch dann …«, ich stocke, besinne mich und bin froh, dass ich heute doch noch die Gelegenheit dazu habe. Auch wenn die Situation irreal ist. »Es war ein richtig gutes Klima damals bei Ihnen im Betrieb … Barbara und ich im Doppelbüro!«

 

»Das freut mich zu hören! Ja, es waren schöne Zeiten!« Er schaut auf seine Uhr. »Wir sehen uns später, ich muss noch Blumen besorgen«, meint er, »und Sie sind ja auch noch nicht ganz fertig, wie ich sehe!«

 

Ich nicke. Stimmt. Die nassen Haare hatte ich ganz vergessen. »Bis später!«

 

Ich stehe immer noch wie angewurzelt da und schaue Herrn Meerbach hinterher, wie er schnellen Schrittes das Hotel verlässt.

 

Eigentlich dürfte er nicht hier sein. Vor etwa einem Jahr ist er im Urlaub plötzlich vom Fahrrad gekippt und gestorben. Herzinfarkt.

 

Als ich am nächsten Abend im Auto auf der Rückfahrt bin, beginnt es bereits zu dämmern.

 

»Es geht also doch weiter«, denke ich und lächele. Ich fühle eine Wärme in mir aufsteigen. »Alles ist möglich.«

 

Wie aus heiterem Himmel wird der Regen stärker. Die Scheibenwischer kommen nicht mehr nach. Schlagartig gehe ich vom Gas runter. Dann folgt ein heftiger Stoß von hinten. Ich schlingere, fühle einen zweiten Stoß, der mich längs auf die Gegenspur drückt. Im rechten Augenwinkel sehe ich noch die Scheinwerfer eines Lastwagens auf mich zukommen, die mich in einen grellen Lichtkegel ziehen. Dem Aufprall folgt komplette Dunkelheit. Ich fühle Wärme in mir aufsteigen. Blut rinnt mir aus dem Mund.

 

Als ich die Augen wieder öffne, liege ich weich gebettet. Wie aus der Ferne dringt Orgelmusik zu mir herüber. Dann höre ich die Stimme der Sopranistin. Sie singt die Arie der Wally. Ich bin ganz gerührt. Es sind viele gekommen. Ich sehe Herrn Meerbach mit Blumen in der Hand. Barbara ist auch da. Sie wirkt jünger, vitaler, so wie vor dem Tumor, der sie zerfressen hatte.